werkstattwohnen

68 - 04 Wohnzimmer Stadthaus Bremen Kollektiv Nach Oben Patrick Johannsen Fotografie-05

8 - 01 Exterior Stadthaus Bremen Kollektiv Nach Oben Patrick Johannsen Fotografie-07

16 - 01 Exterior Stadthaus Bremen Kollektiv Nach Oben Patrick Johannsen Fotografie-14

21 - 02 Eingang + Kueche Stadthaus Bremen Kollektiv Nach Oben Patrick Johannsen Fotografie-04

15 - 01 Exterior Stadthaus Bremen Kollektiv Nach Oben Patrick Johannsen Fotografie-13

38 - 02 Eingang + Kueche Stadthaus Bremen Kollektiv Nach Oben Patrick Johannsen Fotografie-21

58 - 03 Kinderzimmer Stadthaus Bremen Kollektiv Nach Oben Patrick Johannsen Fotografie-07

83 - 05 Patio Stadthaus Bremen Kollektiv Nach Oben Patrick Johannsen Fotografie-02

22 - 02 Eingang + Kueche Stadthaus Bremen Kollektiv Nach Oben Patrick Johannsen Fotografie-05

86 - 05 Patio Stadthaus Bremen Kollektiv Nach Oben Patrick Johannsen Fotografie-05

29 - 02 Eingang + Kueche Stadthaus Bremen Kollektiv Nach Oben Patrick Johannsen Fotografie-12

87 - 05 Patio Stadthaus Bremen Kollektiv Nach Oben Patrick Johannsen Fotografie-06

Die seit 1890 bestehende Tischlerei, die sich an ein historisches Altbremer Wohnhaus im Bremer Viertel anschließt, verfügte über eine robuste bauliche Substanz, hatte ihre ursprüngliche Funktion jedoch längst verloren. Die Umnutzung zu Wohnraum zeigt, wie historische Bestandsgebäude an zeitgemäße Anforderungen angepasst werden können, ohne ihren Charakter einzubüßen. Gleichzeitig verweist das Projekt auf das große Potenzial bislang unzureichend genutzter Hinterhofflächen für eine qualitätsvolle innerstädtische Nachverdichtung. Hinter der Fassade des rund 160 Jahre alten Reihenhauses verbirgt sich eine Gebäudetiefe von mehr als 18 Metern. Sie zeugt von der Geschichte des Bremer Viertels als ehemaliges Arbeiter- und Handwerkerviertel, in dem Wohnen und Arbeiten traditionell eng miteinander verknüpft waren. Während sich die Wohnräume in den oberen Geschossen befanden, wurden die unteren Ebenen gewerblich genutzt. Einige Betriebe reichten weit über die eigentliche Hausstruktur hinaus in die Innenhöfe hinein. Die ehemalige Tischlerei gehört zu den letzten erhaltenen Zeugnissen dieser historischen Nutzungsform. RAUMKONZEPT: Die Umnutzung der Werkstatt zu Wohnraum stellte hohe baurechtliche und funktionale Anforderungen. Mit dem Wegfall des ursprünglichen Bestandsschutzes mussten neue Belichtungs- und Belüftungskonzepte entwickelt werden. Die Schaffung eines Innenhofs war dabei die zentrale Entwurfsentscheidung. Aus der Geometrie des Bestands entwickelte sich ein zweigeschossiges Atrium, das als Licht- und Luftquelle das Herzstück des Projekts bildet. Um dieses Atrium gruppieren sich die Aufenthaltsräume, während Neben- und Funktionsräume im rückwärtigen Bereich angeordnet wurden. Die konsequente Orientierung zum Innenhof schafft eine ruhige und präzise Raumstruktur. Großzügige Schiebeelemente verbinden Innen- und Außenraum miteinander und lassen die Grenzen zwischen beiden Bereichen verschwimmen. Die spiegelnde Fassadenoberfläche des Atriums verstärkt die Lichtwirkung zusätzlich. Durch den Verzicht auf eine Attika öffnet sich der Blick nahezu ungehindert zum Himmel und verleiht dem Hof trotz seiner kompakten Dimensionen eine überraschende Großzügigkeit. Im Hochparterre erweitert ein Balkon den Wohnraum nach außen und bietet einen unerwarteten Blick in die angrenzenden Gärten. Das gepflasterte Patio im Souterrain schafft einen geschützten Außenbereich und sorgt gleichzeitig für die Belichtung der unteren Räume. Mitten in einem der lebendigsten Stadtteile Bremens entstand so ein Ort außergewöhnlicher Ruhe und Privatheit. Das Projekt vereint unterschiedliche Wohnformen innerhalb eines Gebäudes und reagiert damit auf sich wandelnde Lebenssituationen. Im Souterrain befinden sich neben Technik- und Hauswirtschaftsraum ein Gästezimmer mit eigenem Bad und separatem Zugang. Dadurch kann dieser Bereich flexibel genutzt oder zeitweise vermietet werden. Die ehemalige Tischlerei wurde als eigenständige Wohneinheit organisiert. Großzügige Sichtbeziehungen zwischen den Ebenen sowie eine Galerie stärken den räumlichen Zusammenhang und fördern die Kommunikation zwischen den Wohnbereichen. Auch das bestehende Reihenhaus wurde im Zuge der Sanierung weiterentwickelt. Durch gezielte Eingriffe konnten Belichtung, Erschließung und Raumqualität verbessert werden. Die unterschiedlichen Wohnungsgrößen und Grundrissstrukturen ermöglichen langfristig verschiedene Nutzungsszenarien und tragen dazu bei, dass das Gebäude auch zukünftigen Anforderungen gerecht werden kann. NACHHALTIGKEIT UND RE-USE Der Umgang mit dem Bestand war von Respekt gegenüber der Geschichte des Gebäudes geprägt. Zahlreiche Materialien und Bauteile wurden freigelegt, aufgearbeitet oder in neuer Form wiederverwendet. Im Innenhof wurden die historischen Mauerwerkswände vom Putz befreit, statisch ertüchtigt und mit einer Kalkschlämme geschützt. Die vorhandene Stahlträgerdecke mit Betonausfachung blieb erhalten und wurde durch Sandstrahlen freigelegt. Ihre rohe Materialität erinnert an die ursprüngliche Nutzung als Werkstatt und prägt bis heute die Atmosphäre der Räume. Die energetische Sanierung erfolgte mit Holzfaserdämmplatten und Lehmputz. Eine vollflächige Fußbodenheizung ermöglicht den zukünftigen Betrieb mit Niedertemperatursystemen. Ergänzt wird das Materialkonzept durch ökologische Baustoffe wie Linoleum, Kautschuk, Lehm-, Silikat- und Wasserglasfarben, die sowohl zur Wohngesundheit als auch zum langfristigen Erhalt der Bausubstanz beitragen. Auch beim Ausbau spielte Wiederverwendung eine zentrale Rolle. Das Dach wurde mit historischen Ziegeln sowie wiederverwendeten Ziegeln einer abgebrochenen Scheune neu eingedeckt. Stahlträger aus rückgebauten Bauteilen fanden an anderer Stelle erneut Verwendung. Ehemalige Travertinfensterbänke wurden zu Möbeln umfunktioniert, historisches Straßenpflaster aus der Region im Innenhof verlegt und vorhandene Materialien kreativ in neue Nutzungskonzepte integriert. Küchenfronten und die Rückwand der Küchenzeile bestehen aus dem Verschnittmaterialien der Fassadenbekleidung. POTENZIAL Das Projekt versteht sich nicht nur als Umnutzung eines einzelnen Gebäudes, sondern auch als Beispiel für den Umgang mit ungenutzten innerstädtischen Flächen. Der neu geschaffene Innenhof reduziert versiegelte Flächen, verbessert das Mikroklima und schafft zusätzlichen Lebensraum mit hoher Aufenthaltsqualität. Gleichzeitig trägt er zur Erhöhung der Biodiversität bei und wirkt der zunehmenden Überhitzung dichter Stadtquartiere entgegen. Die Transformation der ehemaligen Tischlerei zeigt, welches Potenzial in aufgegebenen Gewerbeflächen und Hinterhofstrukturen verborgen liegt. Statt eines ersatzlosen Abrisses entstand durch die Weiterentwicklung des Bestands hochwertiger Wohnraum mit eigener Identität. Das Projekt macht deutlich, dass auch unter komplexen baurechtlichen und räumlichen Rahmenbedingungen nachhaltige und zukunftsfähige Lösungen möglich sind. werkstattwohnen versteht sich daher als Beitrag zur behutsamen Nachverdichtung und als Plädoyer für den Erhalt historischer Bausubstanz. Es zeigt, wie aus einem scheinbar überholten Gebäudetyp ein zeitgemäßer Wohnort entstehen kann – mit Respekt vor der Vergangenheit und einem klaren Blick in die Zukunft. Bilder: Patrick Johannsen

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